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Neuigkeiten aus der Huntington-Forschung. In einfacher Sprache. Von Wissenschaftlern geschrieben Für die Huntington-Gemeinschaft weltweit.
Aktualisiert: vor 20 Stunden 57 Minuten

Gute Nachrichten von uniQure: Gentherapie-Studie auf dem Weg und vielversprechende Daten in Tieren

17. April 2021 - 13:45
Zwei kürzlich veröffentlichte Pressemitteilungen von uniQure haben gute Neuigkeiten gebracht: Die erste HD Gentherapie, bekannt als AMT-130, wurde einer kleinen Gruppe von Teilnehmern via Gehirnchirurgie verabreicht. Zur gleichen Zeit haben uniQure Ergebnisse aus HD Tiermodellen veröffentlicht. Diese erhöhen die Zuversicht in die Fähigkeit des Medikaments Huntingtin zu reduzieren, vor allem in den in HD am stärksten betroffenen Bereichen des Gehirns.

Die erste Gentherapie für HD

Bei der Gentherapie handelt es sich um eine Technik, bei der genetisches Material in die Zellen einer Person eingeschleust, ersetzt oder entfernt wird, um eine Krankheit zu behandeln.
Im Falle der Huntington Krankheit versuchen aktuelle Gentherapien die vom HD Gen fehlerhaft produzierte Nachricht (RNA) zu inaktivieren und damit schließlich die Menge an Huntingtin Protein im Körper und Gehirn zu reduzieren. Dutzende Forschungslaboratorien und Firmen arbeiten an unterschiedlichen Ansätzen dies zu erreichen aber die HD Gentherapie von uniQure, AM-130, ist die erste, die in Menschen getestet wird.

Wie viel Wahrheit steckt dahinter wo doch Huntingtin-reduzierende ASOs, entwickelt von Firmen wie Roche und Wave, bereits klinisch getestet wurden? ASOs werden im Allgemeinen nicht als "Gentherapie" angesehen, da sie in regelmäßigen Abständen verabreicht werden müssen. Ganz im Gegensatz zur Gentherapie die nur einmal gegeben wird. Bei uniQure's AMT-130 umfasst dies einen chirurgischen Eingriff, der die Therapie direkt in die tiefen Strukturen des Gehirns, die am schwersten von HD betroffenen Regionen, freisetzt.

Die menschlichen Neuigkeiten: die klinische Studie ist auf dem Weg

UniQure hat am 5.April mitgeteilt, dass die erste Gruppe (Kohorte) der AMT-130 Studie, bestehend aus 10 US Teilnehmern, erfolgreich dosiert wurden. Weil diese Behandlung so noch nie durchgeführt wurde, stand Sicherheit in dieser Phase I/II Studie an Höchster Stelle. Die Rekrutierung für diese Studie begann im Sommer 2020 nach einer kleinen Verzögerung aufgrund COVID-19. Zu Beginn wurde nur zwei der Teilnehmer operiert, dann wartete uniQure drei Monate bevor die nächsten zwei operiert wurden. Nach weiteren drei Monaten ohne schwere oder gefährlichen Nebenwirkungen, wurden die nächsten sechs rekrutiert um auf eine Kohorte von zehn zu kommen.

Im Ganzen erhielten sechs Personen AMT-130 und vier unterzogen sich einer Scheinoperation. Dies ist notwendig um zu vergleichen, ob das Medikament sicher ist. Trotz der weltweiten Pandemie war die Rekrutierung früher abgeschlossen als geplant.

Die nächsten Schritte für Humanstudien

Die nächsten zwei großen Schritte für uniQure sind, erstens, diese Phase I/II Studie in den Vereinigten Staaten mit 16 weiteren Patienten durchzuführen von denen zehn eine höhere Dosis AMT-130 bekommen und sechs eine Scheinoperation. Der zweite Schritt umfasst eine neue Studie in Europa, in welcher 15 Personen mit HD das Medikament bekommen werden. Dies wird auch Open Label Studie genannt.

Wie alle Versuchsteilnehmer an klinischen Studien, machen diese Leute mit früher HD einen großen, selbstlosen Schritt der schlussendlich dabei helfen wird die Zukunft der HD Gentherapie zu formen. Nachdem ein gründlicher Selektionsprozess durchgeführt wurde, findet die Operation statt. Diese dauert zwischen 8 und 10 Stunden und umfasst das Einführen von sehr kleinen Röhrchen in sechs Stellen tief im Gehirn mit Hilfe von MRI. Das erste Jahr werden häufige Nachuntersuchungen stattfinden und danach Langzeituntersuchungen über fünf Jahre.

Die Eigenschaft der Gentherapie bedeutet, dass dieser Prozess nicht umgekehrt werden kann. AMT-130 führt zu einer dauerhaften Veränderung in jeder Gehirnzelle die es erreicht. Hierfür wird ein Stück neues genetisches Material mit Hilfe eines harmlosen Virus, AVV genannt in die Zelle eingeführt. Dies hilft der Zelle dann aufzuhören das Huntingtin Protein zu produzieren. Die Hoffnung ist natürlich, dass diese einmal Behandlung das unaufhaltsame verschlechtern der HD Symptomatik verlangsamen wird. Trotz aller Risiken ist es ermutigend, dass bis jetzt noch keine schweren Sicherheitsprobleme aufgetreten sind und dass uniQure selbstbewusst in eine zweite Studie, die Open Label Studie startet.

Die tierischen Nachrichten: Starke Reduktion von Huntingtin und Sicherheitsdaten

Nur einige Tage nach der Bekanntgabe ihrer jetziger und zukünftigen klinischen Studien hat uniQure eine zweite Pressemitteilung veröffentlicht um die guten Nachrichten, die die Ergebnisse der Tierstudien umfassen zu teilen. Es gibt zwei Publikationen die unabhängig voneinander die Sicherheit und starke Huntingtin reduzierende Wirkung eines einmaligen chirurgischen Eingriffes mit dem Virus unterstreichen. Eine dritte Publikation zeigt eine neue Methode wie man die andauernden AMT-130 Effekte im Gehirn überwachen kann. Alle drei Publikationen wurden von uniQure-Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit Akademischen Institutionen in den Niederlanden (das ist der Standort von uniQure) veröffentlicht. Hier ist eine Zusammenfassung für jeden der drei.

* Die erste Veröffentlichung berichtet ausführlich über eine Studie die ein gutes Sicherheit und die Verteilung von AMT-130 in den Gehirnen von kleinen und großen Tieren zeigt. Ratten und Affen erhielten eine Operation welche AMT-130 oder das Placebo direkt in die Gehirnbereiche die am stärksten von HD betroffen sind bring. Diese Experimente wurden in Tieren ohne das HD Gen durchgeführt, um die Sicherheit und die Verteilung des Medikaments im Gehirn zu untersuchen. UniQure hat herausgefunden, das sich AMT-130 in viele verschiedene Gehirnstrukturen ausbreitet. Die Tiere wurden gewissenhaft über einen Zeitraum von mehreren Monaten nach der Behandlung beobachtet. Es traten keine Sicherheitsprobleme während der Bildgebenden Tests, Gesundheitsüberwachung oder der Gewebeuntersuchungen auf.

* Die zweite Studie beschreibt eine starke und lang anhaltende Reduzierung von Huntingtin nach Behandlung von HD Minischweinen mit AMT-130. Diese Tiere haben das HD Gen. In diesen Experimenten wurden ähnliche Operationen durchgeführt und Wissenschaftler sahen eine starke und andauernde Verringerung der schädlichen Huntingtin Protein Level. Dies war insbesondere in Gehirnbereichen die von HD betroffen sind und in welche das Medikament direkt verabreicht wurde zu sehen. Aber auch andere Bereiche des Gehirns zeigten bis zu einem Jahr nach der Behandlung noch eine Reduzierung von Huntingtin. Es war den Wissenschaftlern auch möglich Huntingtin Messungen vorzunehmen, indem sie Proben der Rückenmarksflüssigkeit der Tieren nahmen. Ein wichtiger Punkt um aussagekräftige Veränderungen in den jetzigen und zukünftigen klinischen Studien zu bestimmen.

* Zum Schluss untersuchte ein drittes Team eine neue Methode um die Dauer und Wirksamkeit der Gentherapie zu bestimmen. Sie haben Zellen von Affen und Menschen in einer Schale wachen lassen um die Freisetzung klitzekleiner biologischen Bläschen (extrazelluläre Vesikel) die in der Rückenmarksflüssigkeit herumschwimmen zu messen. Nachdem AMT-130 hinzugefugt wurde, verwendeten die Wissenschaftler sensitive Tests um die Inhalte dieser Bläschen zu untersuchen. Sie fanden Hinweise darauf, dass AMT-130 für mindestens zwei Jahre als Gentherapie aktiv bleibt. Die Vesikel beinhalteten Beweise dafür, dass die Gehirnzellen das "Gegenmittel" das auf Huntingtin abzielt weiterhin produzieren. Das könnte eine neue, raffiniertere Methode für die Langzeitmessung der AMT-130 Aktivität und anderer Gentherapien sein.


Die Take-Home Message

Zusammengefasst deuten die Tierdaten von uniQure daraufhin das AMT-130 sich wirksam im ganzen Gehirn verteilt und dass es das Huntingtin Protein senkt. Das sind gute Nachrichten für die laufenden und zukünftigen Studien in Nordamerika und Europa. Natürlich wusste man bereits vor der Pressemitteilung von den positiven Tierdaten. Diese Daten wurden verwendet um die humanen Studien mit AMT-130 zu entwickeln und planen. Es braucht Zeit Daten zu erstellen und für eine Veröffentlichung in einem Wissenschaftlichen Magazin einzureichen. Es ist spannend wenn diese dann endlich veröffentlicht werden und wie in diesem Fall vielversprechende Ergebnisse bestätigen und außerdem die Sichtbarkeit der HD Forschung in der medizinischen Gemeinschaft verbreiten.

Es ist anzumerken, dass weder diese Veröffentlichungen noch die frühen klinischen Studien die Effekte von AMT-130 auf die HD Symptome oder das Verhalten untersuchen. Diese Forschung, in Tieren als auch in Menschen ist auf die Sicherheit, die Reduktion von Huntingtin und die Verabreichung einer neuen Gentherapie ins Gehirn fokussiert. AMT-130 mag zwar Huntingtin in Tieren reduzieren und bis jetzt gab es noch keine große Gefährdung in einer kleinen Gruppe von Menschen, dennoch liegt noch jede Menge Arbeit vor uns um die Sicherheit von AMT-130, seine Fähigkeit mit der HD Symptomatik zu helfen oder den Verlauf der Krankheit zu beeinflussen zu untersuchen.

Trotz der entmutigenden Nachrichten von Roche und Wave in Bezug auf Ihre Studien mit den Huntingtin-reduzierenden ASOs, ist sich die wissenschaftliche Gemeinschaft sicher, dass die genetische Ursache der Huntington Erkrankung ein vielversprechender Therapieansatz ist. Die experimentelle Therapie von uniQure ist eine von duzenden Entwicklungen die sich die Senkung der Huntingtin Level zum Ziel gesetzt haben. AMT-130 zielt auf beide, das normale und das schädliche Huntingtin ab, indem es einen Virus zur Verbreitung im Gehirn verwendet. Andere Firmen konzentrieren sich darauf nur das schädliche Huntingtin zu reduzieren. Wiederum Andere verwenden andere Kuriersysteme, Abgabemodi oder Dosierungsschemata - Testen einer großen Hypothese aus vielen verschiedenen Blickwinkeln.

Bewiesen durch die Pressemitteilungen von uniQure (und Anderen!); Es gibt immer noch Hoffnung für die Senkung von Huntintin sowie für viele andere Ansatzweisen die die HD Biologie oder Symptomatik beeinflussen können. Es muss noch viel Arbeit erledigt werden, unter anderem müssen die mutigen Teilnehmer dieser Studie für Jahre sorgfältig beobachtet werden. Dennoch sind wir durch diese positiven vorklinischen Ergebnisse sowie die Geschwindigkeit mit der sich die klinischen Studien vorwärtsbewegen, ermutigt.

Enttäuschende Ergebnisse bei Wave's PRECISION-HD1 und -HD2-Studien

1. April 2021 - 16:45
Weitere traurigen Nachrichten für die Huntington-Gemeinschaft gab es diese Woche mit der Bekanntgabe durch Wave Life Sciences, dass sie die Forschung an ihren vielversprechenden ASOs einstellen werden. Sie sollten ganz gezielt die Verringerung des mutierten Huntingtins bewirken und dessen Wildform unberührt lassen. Zuletzt wurden 2 Phase-1b/2a-Studien am Menschen durchgeführt. Jetzt gab Wave bekannt, dass sie mit den hier untersuchten ASOs nicht mehr weiter arbeiten werden, allein die Forschung an einem dritten, chemisch abgewandelten ASO wird fortgeführt.

Was ist passiert?

Am 29. März gab Wave in einer Pressemitteilung bekannt, dass sich die Konzentration an mutiertem Huntingtin während der Studie PRECISION-HD2 durch die Gabe des Medikamentes WVE-120102 nicht messbar verringern ließ.
Die abschließende Auswertung der Studie PRECISION-HD1 mit dem Medikament WVE-120101 dauert noch an, allerdings zeichnet sich jetzt bereits ab, dass es hier genauso aussieht.
Daher wird Wave mit den beiden Wirkstoffen keine weiteren Studien durchführen und auch die Open-Label-Verlängerungsstudien werden nach einem finalen Gesundheitscheck beendet.

Was macht Wave als Nächstes?

Das Medikament WVE-003 wird laut der Pressemitteilung weiterentwickelt. Ein veränderter chemischer Aufbau soll hier für eine bessere Wirksamkeit sorgen. Die Phase-1b/2a-Studie mit diesem Wirkstoff wird Ende 2021 beginnen. Wie auch bei den anderen beiden Studien werden mögliche Teilnehmende eine spezielle Genstruktur über das mutierte Huntington-Gen hinaus aufweisen müssen, einen sogenannten SNP. Etwa 40% der Mutationsgenträger sollen diesen SNP aufweisen, jede/r Freiwillige muss bei der Erstuntersuchung zur Studie einen Bluttest machen, um zu sehen, ob er/sie zu diesen 40% gehört. Teilnehmenden aus PRECISION-HD1 und 2 soll eine solche Erstuntersuchung auch angeboten werden.

Gibt es Verbindungen zu der Bekanntgabe von (Roche/Genentech vor einer Woche)[https://de.hdbuzz.net/300]?

Es gibt keinen Zusammenhang, es handelt sich um unterschiedliche Medikamente, die sich wiederum in unterschiedlichen Studienphasen befanden. Bei Tominersen von Roche konnte eine Huntingtin-Verminderung bereits nachgewiesen werden, dennoch wurde die laufende Phase-3-Studie nun abgebrochen. Weitere Details zu den Gründen hierzu sind leider noch nicht bekannt.

GENERATION-HD1 ASO-Studie von Roche und Ionis abgebrochen

23. März 2021 - 15:45
Sehr enttäuschende Neuigkeiten erreichten uns gestern von Roche und Ionis, die erklären, dass ihre ASO-Studie an Huntington-Patienten abgebrochen wurde. Es gab zwar keine neue Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Therapie, dennoch kam es zu diesem verfrühten Abbruch. Was bedeutet das und was passiert als nächstes?

Hintergrund - was war das Ziel der Studie?

Roche und Ionis haben das Medikament Tominersen entwickelt, das auf Antisense-Oligonukleotiden (ASOs) basiert. Mit ASOs kann das Niveau eines bestimmten Eiweißes gezielt abgesenkt werden, indem die Boten-RNA, die für jenes Eiweiß zuständig ist, abgeschaltet wird. Tominersen zielt auf die mRNA des wilden und mutierten Huntingtins ab. Es wurde bereits gezeigt, dass das Medikament den Gehalt von Huntingtin im Gehirn erfolgreich reduzieren kann.

Hierzu gab es eine Phase-I/II-Studie, die sowohl die Verträglichkeit von Tominersen als auch die Reduktion von Huntingtin bei Huntington-Patienten zeigte. Die bis gestern laufende Phase-III-Studie namens GENERATION-HD1 sollte nun genauere Daten über die Wirksamkeit bezüglich der Huntingtin-Verminderung aber auch der Verbesserung von Huntington-Symptomen liefern.

Was ist passiert?

Am 22. März 2021 veröffentlichte Roche eine Pressemitteilung zum Abbruch der Phase-III-Studie mit Tominersen auf Anraten eines unabhängigen Institutes (Independent Data Monitoring Committee = iDMC). Dieses Kommittee hatte die bisherigen Daten aus der Studie zu einer Zwischenauswertung erhalten.

Solche unabhängigen Untersuchungen sind sehr wichtig bei klinischen Studien, sie sollen einen neutralen Blick auf die Daten gewährleisten. Dazu erhalten sie in regelmäßigen Abständen Daten aus der laufenden Studie und bewerten, ob die Studie weitergeführt werden sollte oder nicht.

Im Allgemeinen werden zwei Fragen gestellt: 1. Sind irgendwelche unerwarteten Sicherheitsbedenken aufgetreten?, 2. Erscheint es extrem unwahrscheinlich, dass die Behandlung Vorteile für die Teilnehmenden bringt.

Auch bezüglich anderer Studien haben wir bereits über solche Entscheidungen berichtet 1, 2.

Was wissen wir?

Bisher wissen wir sehr wenig. Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen mehr erfahren. Die Pressemitteilung (unten verlinkt) verrät uns bisher nur, dass es keine unerwarteten Sicherheitsbedenken gab, wir müssen also über die Gesundheit der Teilnehmenden nicht akkut besorgt sein. Weiterhin sagt die Mitteilung, dass das Nutzen/Risiko-Profil nicht ausreichend war. Was das genau bedeutet, wissen wir noch nicht. Es könnte beispielsweise sein, dass das Medikament keine Verbesserung der Huntington-Symptome bewirkt oder sie evtl. sogar verschlechtert. Bisher wissen aber noch nicht einmal die Wissenschaftler von Roche und Ionis, was wirklich der Grund ist. Das unabhängige Kommittee hat zunächst eine schnelle Entscheidung getroffen und diese verkündet und wird die genaue Begründung erst in der nächsten Zeit an Roche und Ionis mitteilen. Wir müssen warten.

Was passiert als Nächstes?

Auch das hängt von den Daten und der genauen Begründung ab, daher wissen wir nicht, was jetzt kommt. Man wird sich eventuell fragen müssen, ob man früher mit der Behandlung beginnen muss, oder ob nur die Reduktion des mutierten Huntingtins allein wirklich sinnvoll ist. Vielleicht muss auch die Dosis des Medikamentes geändert werden.

Dankbarkeit

Diese Studie war mit mehreren hundert Teilnehmern ein großes, globales Projekt und ein wichtiger Hoffnungsträger für die internationale Huntington-Gemeinschaft. Wir sind den freiwilligen Teilnehmenden und ihren Familien für immer dankbar. Viele Forscher haben hier sowohl in der Grundlagen- als auch in der angewandten Forschung unermüdlich Einsatz gezeigt. Alle Beteiligten haben trotz der aktuell traurigen Nachrichten Großes für die Huntington-Forschung geleistet.

Wie geht es weiter?

Ohne Zweifel sind es traurige Tage für die Huntington-Gemeinschaft. HD-Buzz ist sehr traurig und enttäuscht. Diese Studie wurde auf höchst professionelle Art und Weise durchgeführt und wird uns für weitere Studien in der Zukunft eine wertvolle Hilfe sein. Die Huntington-Gemeinschaft mit den betroffenen Familien und Ärzten weltweit hat schon häufiger bewiesen, dass sie Rückschläge einstecken kann. Wir werden versuchen diesen möglichst schnell abzuschütteln und weiterzumachen. Immer wieder, solange bis die Huntington-Krankheit nicht länger eine Bedrohung für uns oder unsere Liebsten darstellt.

GPR52: Ein neuer Weg der Huntingtin-Reduzierung

16. Februar 2021 - 18:21
Huntington-Forscher erkunden neue Wege der Huntingtin-Verminderung durch die Beeinflussung eines Eiweißes namens GPR52. Eine Gruppe von Wissenschaftlern in Shanghai, China entwickelte kleine Moleküle, die das Huntingtin-Niveau in Zellkulturen und bei Huntington-Mäusen senken konnten. Darüber hinaus verbesserte der Wirkstoff die Symptome der Mäuse.

Neue Pfade der Huntingtin-Verminderung

Viele Forschergruppen sehen die Verringerung von Huntingtin als einen vielversprechenden Weg zur Behandlung der Huntington-Krankheit an. Menschen mit dieser Krankheit haben eine Kopie des Huntington-Gens mit einer sehr hohen Anzahl an CAG-Wiederholungen. Dadurch wird im gesamten Körper und im Gehirn ein mutiertes Huntingtin-Eiweiß hergestellt. Man geht davon aus, dass dieses Protein verantwortlich für die Symptome der Huntington-Krankheit ist.

Die Idee hinter der Huntingtin-Verminderung ist, dass ein Weniger an mutiertem Huntingtin auch dessen schädliche Auswirkungen reduzieren sollte. Es gibt Labornachweise an Tiermodellen für eine Verlangsamung der Krankheit und eine Verbesserung der Symptome, allerdings werden aktuell ähnliche Ergebnisse an menschlichen Patienten noch sehnlichst aus laufenden klinischen Studien erwartet.

Wie HDBuzz-Leser wahrscheinlich wissen, sind viele Firmen und Institute dabei solche Huntingtin-Verminderungstherapien entweder im Labor oder bereits in der Klinik zu erproben. In unseren letzten Artikeln haben wir über so manche von ihnen geschrieben und Sie können deren Fortschritte beispielsweise in diesem Artikel oder in diesem Artikel nachlesen. Die Firmen an der Speerspitze dieser Forschung, beispielsweise Wave, uniQure und Roche setzen auf genbasierte Ansätze, so wie Gentherapie oder Antisense-Oligonukleotide, das sind sehr große Moleküle. Diese müssen direkt in das Gehirn oder in das Nervenwasser am Rücken injiziert werden, um die Zellen im Gehirn, die am stärksten von der Huntington-Krankheit betroffen sind, erreichen zu können. Andere Firmen arbeiten an "kleinen Molekülen", bei denen die Hoffnung besteht, sie später einfach in Form einer Tablette schlucken zu können.

Was hat GPR52 mit Huntingtin-Verminderung zu tun?

GPR52 ist Teil einer Eiweißfamilie namens "G-Protein-gekoppelte Rezeptoren", die auf Zellen sitzen und Nachrichten empfangen, ähnlich wie Satellitenschüsseln. Es gibt viele zugelassene Medikamente, die auf solche Rezeptoren einwirken, sodass Wissenschaftler optimistisch sind, wenn es um neue Medikamente geht, die ebenfalls hier ansetzen, dass solche Substanzen wirksam und gut verträglich sein können.

GPR52 nun, wurde zuerst in einem Genraster von Huntington-Forschern als interessant erkannt. Ein solches Genraster kann man sich wie eine Schatzsuche vorstellen. Wissenschaftler gehen Gen für Gen durch und betrachten deren Auswirkung auf eine spezielle Diagnose, in diesem Fall die Huntington-Krankheit. Im Labor konnte das GPR52-Gen ausgeschaltet werden und in der Folge eine Besserung der Huntington-Symptome bei Fliegen beobachtet werden. Ein Forscherteam in Shanghai ging kürzlich einen Schritt weiter und versuchte, GPR52 bei Mäusen zu unterdrücken. In ihrer kürzlich veröffentlichten Studie zeigen sie, dass die Verminderung von GPR52 auch die Menge an Huntingtin absenken konnte.

Die Behandlung von GPR52 mit kleinen Molekülen verringert Huntingtin und verbessert Symptome bei Huntington-Mäusen

Die Wissenschaftler beschreiben ihre Entwicklung von speziellen, kleinen Molekülen, die sich fest und ausschließlich an das GPR52-Protein binden. Am besten stellte sich für diesen Zweck ein kleines Molekül namens Comp-43 heraus, welches sie in einer Reihe von Experimenten ausführlich auf seine Huntingtin-vermindernden und Symptom- bzw. Schadensmildernden Eigenschaften testeten.

Zuerst wurde die Fähigkeit von Comp-43 betrachtet, das Huntingtin-Niveau in Nervenzellen von Mäusen in einer Petrischale zu reduzieren und die Zellen gesund zu halten. Da der Versuch erfolgreich war, wurde im weiteren Verlauf Comp-43 an lebendingen Huntington-Mäusen getestet. Es zeigte sich, dass Comp-43 die Blut-Hirn-Schranke überwinden konnte und die Menge an Huntingtin in verschiedenen Hirnregionen verringern konnte. Das legt nahe, dass ein Medikament mit dem Wirkstoff Comp-43 zukünftig in Form einer Tablette eingenommen werden könnte. Die Mäuse zeigten nach der Behandlung abgemilderte Symptome, beispielsweise beim Laufen im Laufrad oder beim Balancieren. Es wurden zudem Gehirnzellen der behandelten Mäuse untersucht und sie zeigten sich gesünder als Hirnzellen unbehandelter Mäuse.

Was kommt als nächstes in der GPR52-Erforschung?

Alle in der wissenschaftlichen Literatur verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass es sich bei GPR52 um einen vielversprechenden Angriffspunkt handelt, wenn eine Verringerung von Huntingtin erreicht werden soll. Dennoch liegt noch ein langer Weg vor den kleinen Molekülen, die dafür eingesetzt werden sollen. Viele Behandlungen funktionieren in Zellen oder bei Tiermodellen, aber nicht beim Menschen.

Es ist noch nicht klar, welche Nebenwirkungen die vorgeschlagene Behandlung haben könnte. GPR52 übernimmt sicherlich normalerweise wichtige Aufgaben im Nervensystem, dabei könnte es sich um den Empfang von Dopaminsignalen oder chemischen Botschaften handeln, die unsere Stimmungen, Bewegungen und Motivation regulieren. Daher muss auch bei Tiermodellen noch länger und genauer die Auswirkung der Medikation studiert werden.

Man sollte auch darauf hinweisen, dass die vorgeschlagene Behandlung sowohl das mutierte als auch das gewöhnliche Huntingtin in seiner Menge verringern würde. Bisher konnten durch ein solches Eingreifen beispielsweise auch durch Tominersen, das Medikament der Firma Roche, keine gefährlichen Nebenwirkungen beobachtet werden, aber der Königsweg wäre aus Sicht der meisten Wissenschaftler, spezifisch nur das mutierte Huntingtin zu reduzieren.

Wir denken, dass es sich bei der vorgestellten Methode um einen spannenden neuen Ansatz handelt und erwarten die Antworten auf die offenen Fragen in künftigen wissenschaftlichen Studien.